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Hier finden sich meine Blogposts aus den Jahren 2024 und 2025.



12.12.2025

Der Mensch in der digitalen Transformation (Teil 2)

[Fortsetzung von Teil 1]

Drei Einsichten möchte ich aus den Positionen von McLuhan, Stiegler und Floridi ableiten:

5. Klar ist erstens: Ob wir nun in einer Infosphäre unterwegs sind oder nicht, auf alle Fälle oszillieren wir zwischen Offlife und Onlife. Wir sind einer prinzipiellen Ambivalenz ausgesetzt. Als ‹massierte› bzw. vernetzte Menschen benutzen wir eine Prothese, das Smartphone. Wir können in der digitalen Transformation immer mehr (das ist die Erweiterung) – und gleichzeitig immer weniger (das ist die Einschränkung). Paradox ist auch: Indem wir Smartphones, die immer smarter werden, nutzen, werden wir selber immer unsmarter, tumber. Das merkt man spätestens dann, wenn dem smarten Werkzeug der Akku ausgeht oder die Verbindung zum Netz abbricht – wie wenn einer Marionette die Spielfäden durchtrennt werden. So lange Menschen keine Cyborgs sind und das Unpluggen – also das Durchschneiden der Spielfäden – noch möglich und relativ einfach ist (Smartphone ausschalten, WLAN abschalten, Stromquellen kappen etc.), bleibt die Offline-Welt umfassend, stark und – in einem positiven Sinne – limitierend. Unterschätzen wir sie trotz allen theoretischen Höhenflügen nicht, auch nicht die immense, energie-intensive Infrastruktur, die das Netz braucht, und die man nicht nur finanzieren und aufbauen, sondern langfristig auch pflegen und warten muss. Ohne Strom – kein Netz (Stichwort Blackout).

6. Klar ist zweitens, dass der Mensch in der digitalen Transformation ‹verziffert› bzw. datifiziert und als Datenquelle von unterschiedlichen gewinnorientierten Unternehmen genutzt wird (Stichworte Big Data, Plattformisierung). Die Datafizierung machte erst die Entwicklung und Lancierung anthropomorpher KI-Chatbots wie ChatGPT möglich. Es ist offen, ob wir bei massenhafter Nutzung von Chatbots, die das Denken u. a. für uns übernehmen, langfristig gesehen selbständig und kritisch denken können – wenn nur schon die Präsenz eines Smartphones unsere kognitive Leistung verringert (Ward et al. 2017). Studien zeigen, dass es eine starke negative Korrelation zwischen KI-Nutzung und kritischem Denken gibt (Zhou et al. 2025). Aktuell wird KI in alle möglichen digitalen Applikationen integriert. Das wird das Paradox ‹immer smarter – immer tumber› noch verstärken. Vielleicht werden wir bald von einem Agency-Effekt sprechen: Sofern ich Zugriff auf einen Chatbot habe, muss ich nicht mehr selbst denken, argumentieren, schreiben, entscheiden usw., das macht der Bot (als Agent) für mich – ich muss ‹nur noch› prompten können.

7. Klar ist drittens: Das multimediale Netz verändert nicht nur Kognition und Kommunikation der Menschen: Wenn wir über die individuelle Ebene hinausgehen, erweitert sie auch die Macht-Optionen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Angesichts der Wiederkehr obszöner Geopolitik seit der Inauguration der Maga-Truppe in den USA im Januar 2025 steht die Frage nach Cyber-Macht im Informationszeitalter immer stärker im Brennpunkt. Die grössten medienethischen Herausforderungen finden heute nicht mehr auf der Professionsebene (Journalismus), sondern auf machtpolitischer Ebene statt. Die heissesten Konfliktzonen sind die Verdrängung der traditionellen Medien durch die Plattformen (Stichwort: Disintermediation), die damit verbundene Schwächung der Medien als vierte Gewalt (vgl. Saxer 2023, de Weck 2024) und der Kampf um eine datenschutzkonforme Regulierung der Plattformen inklusive KI. In Informationsgesellschaften ist es absolut zentral, wer die Informationen generiert, wer sie wie kuratiert und wie wahrheitsgetreu er sie verbreitet. Mit der Zunahme der Cyber-Macht nimmt aber auch die Erfahrung von uns Endnutzern zu, sich den neuen Entwicklungen gegenüber ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen. Wir sind im Jahr 2025 definitiv in einem «Krieg der Medien» (Andree 2025) angekommen.

Mit diesem Doppel-Post pausiere ich meinen Blog über die Festtage, danke allen, die meine Beiträge im Jahr 2025 gelesen haben, und wünsche einen gelungenen Jahresausklang. Mein nächster Post wird im Januar 2026 erscheinen.

Quellen:

Andree, M. (2025). Krieg der Medien. Dark Tech und Populisten übernehmen die Macht. Campus.
Capurro, R. (2017). On Floridi’s metaphysical Foundation of Information Ecology [12.12.2025].
Floridi, L., & Walter, A. (2015). Die 4. Revolution. Wie die Infosphäre unser Leben verändert. Suhrkamp.
Logan, R. K. (2013). McLuhan misunderstood: setting the record straight. The Key Publishing House Inc.
McLuhan, M. (1962). The Gutenberg Galaxy. The making of typographic man. University of Toronto Press.
McLuhan, M., Fiore, Q., Agel, J., Baltes, M., & Höltschl, R. (2012). Das Medium ist die Massage. Ein Inventar medialer Effekte (2. Aufl.). Klett-Cotta. Orig., 1. Auflage: 1967.
Saxer, U. (2023). Von den Medien zu den Plattformen. Die Regulierung öffentlicher Kommunikation im Zeichen der digitalen Revolution (1. Auflage). Mohr Siebeck.
Sparrow B., Liu J., Wegner DM (2011). Google effects on memory: cognitive consequences of having information at our fingertips. Science, 2011 Aug 05;333 (6043): 776–8.
Stiegler, B., Ricke, G., & Voullié, R. (2022). Technik und Zeit: Der Fehler des Epimetheus. Diaphanes.
Ward, A. F., Duke, K., Gneezy, A., & Bos, M. W. (2017). Brain Drain: The Mere Presence of One’s Own Smartphone Reduces Available Cognitive Capacity. Journal of the Association for Consumer Research, 2(2), 140–154.
Weck, R. d. (2024). Das Prinzip Trotzdem. Warum wir den Journalismus vor den Medien retten müssen. Suhrkamp.
Zhou, Z., Guo, H., Ma, F., Yang, C., & Gao, Y. (2025). The chain mediating role of critical thinking and AI self-efficacy in GenAI usage competence and engineering students’ creativity. Scientific Reports, 15(1), 35945.

Pavel - 10:54 @ Philo-Blog | Kommentar hinzufügen

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