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12.12.2025
Der Mensch in der digitalen Transformation (Teil 1)
In meinem Oktober-Post schrieb ich über die (auch persönlich empfundene) grosse Ernüchterung angesichts der Entwicklung des Internets, ausgehend von einem kritischen Abgleich der heutigen Netz-Realität mit den geschürten grossen Erwartungen in der embryonalen Phase des Internets in den 1990er-Jahren. In der Folge ging ich der Frage nach: Was passiert mit dem Menschen in der digitalen Transformation? Die Frage (in der der Begriff Internet durch den genaueren Begriff digitale Transformation ersetzt wird), siedelt sich irgendwo im Grenzgebiet zwischen Anthropologie, Soziologie und Medienwissenschaft an – aber für einen Blog ist sie, wie ich bald feststellen durfte, einige Nummern zu gross. Wir stehen zudem erst am Anfang der digitalen Transformation – es ist schwierig aus der zeitlichen Froschperspektive Grundsätzliches zu erkennen. Aber mit Hilfe von Marshall McLuhan, Bernard Stieger und Luciano Floridi will ich die Frage auf die beiden Dimensionen Wahrnehmung und Kognition/Denken einengen und in einem Doppel-Post (Teil 1und 2) eine Antwort geben.
1. Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan formulierte seine These, dass uns die elektronischen Medien durchmassieren, mit Bezug auf die Entwicklung der Massenmedien in den 1960er Jahren (und hatte insbesondere das damals noch junge TV-Medium im Auge). Neu an seinem Ansatz war, Medien als «extension of man», als Erweiterungen unseres Wahrnehmungsapparats zu verstehen (McLuhan & Fiore 1967). Damit meinte er, dass die Medien als Werkzeuge die Möglichkeiten des Menschen und seine Wahrnehmungskompetenzen steigern: Das Rad verlängere den Fuss, der Hammer die Hand, der Buchdruck das Auge, elektronische Medien wiederum erweitern das Nervensystem («outrous nervous system»). Sie würden stärker synästhetische, simultane Eindrücke fördern. Damit würden auch andere Wahrnehmungskompetenzen trainiert als in der «Gutenberg-Galaxis» (McLuhan 1962/2012). Grundsätzlich ging McLuhan davon aus, dass ein Medium Massstab, Tempo und Muster der Kommunikation und Kooperation verändere – und damit auch Denkstile, Aufmerksamkeit, soziale Beziehungen und kulturelle Selbstbilder. An McLuhans Ansatz wurde kritisiert, dass sein Denken zu metaphorisch, zu wenig empirisch sei und einem technologischen Determinismus entspringe. Tatsächlich könnte man McLuhan eine ‹emphatische Metaphorik› zum Vorwurf machen, aber er hat die Ankunft des Internets, das World Wide Web (Logan 2013) und das Smartphone vorausgesehen (wenn es auch etwas grösser geraten ist, als das von McLuhan erwähnte Hörgerät). Und jetzt, im Zeitalter des multimedialen, interaktiven, mobilen Netzes, in dem Menschen global miteinander vernetzt sind, Raum und Zeit neu definiert werden und Distanzen aufgehoben sind, leuchtet es unmittelbar ein, wenn wir im Sinne von McLuhan von einer umfassenden «Massage» durch das multimediale Netz reden.
2. Vor allem seit der Einführung des Smartphones (2007: iPhone 1) sind immer mehr Menschen permanent ‹connected› und hängen wie Marionetten an digitalen Spielfäden. Aktuell benutzen rund 55–65 % der Weltbevölkerung ein Smartphone. Vor diesem Hintergrund kann man McLuhans Erweiterungsthese mit Bernard Stiegler weiterspinnen und konkretisieren. Der französische Philosoph und Medientheoretiker versteht Smartphones als hochverdichtete mnemotechnische Prothesen (Stiegler 2022). Wie andere Werkzeuge sei das Smartphone eine technische Verlängerung und Auslagerung menschlicher Fähigkeiten. Das Smartphone fungiere als dauerpräsente Gedächtnis und Organisationsprothese, die Erinnerungen, Kontakte, Orientierung und Wissen speichere und jederzeit verfügbar mache. Empirische Studien zeigen, dass Smartphones kognitive Prozesse, Emotionsregulation und Alltagsgewohnheiten systematisch mitprägen, so dass sie nicht mehr nur als Werkzeuge ‹ausserhalb› des Subjekts, sondern als nicht mehr wegzudenkender Teil seiner Lebensform verstanden werden müssen. Die Nutzung des Smartphones verursacht u. a. folgende Nebeneffekte: den Google-Effekt (Sparrow et al. 2011); wir erinnern uns eher an den Ort als an den Inhalt, wenn Informationen online verfügbar sind. Oder den Brain-Drain-Effekt (Ward et al. 2017): Unsere kognitive Kapazität verringert sich, wenn unser Smartphone in Sichtweite liegt. Dauernde Verfügbarkeit von Smartphones und Benachrichtigungen führt zu fragmentierter Aufmerksamkeit. Multitasking mit digitalen Medien konditioniert das Gehirn auf schnelle Reizwechsel, wodurch es schwerer fällt, länger bei einer Sache zu bleiben (Störungen der Aufmerksamkeit).
3. Der in Oxford lehrende italienische Philosoph Luciano Floridi geht noch einen Schritt weiter als McLuhan und Stiegler. Ausgehend von der Prämisse, dass Information eine grundlegende ontologische Kategorie sei, behauptet Floridi, wir seien bereits in eine Entwicklungsphase («Hypergeschichte») eingetreten, in der Informations- und Kommunikationstechnologien zu einer Art informationsgesättigter Umwelt geworden sind, in der Online- und Offline-Welt ineinandergreifen. Diese Umwelt nennt er «Infosphäre» (Floridi 2015). Laut Floridi operieren wir also nicht mit Erweiterungen oder Prothesen – in der Infosphäre interagieren Menschen und technische Agenten als Informationsorganismen. Menschen benutzen nicht einfach nur Prothesen (Stiegler), sie sind sogenannte «Inforgs». Darunter versteht Floridi informationsverkörperte Organismen oder Agenten, die in der Infosphäre handeln – dazu zählen Menschen ebenso wie künstliche Akteure, sofern sie Informationen verarbeiten und in diese Umgebung eingreifen. Floridi benutzt den Begriff, um zu betonen, dass Lebewesen und technische Systeme im informationslogischen Sinne gemeinsam eine Population von Akteuren bilden, deren Grenzen zunehmend durch digitale Vernetzung verschwimmen (etwa ‹hybride› Mensch-Gerät-Verbünde). Floridis Inforg-These ist – nach Kopernikus, Darwin und Freud – bewusst als vierte grosse Kränkung der Menschheit gedacht. Sie relativiert seine besondere Stellung im Reich des Denkens und der Information und zeigt, dass menschliche Kognition und Informationsverarbeitung nicht einzigartig sind, sondern prinzipiell von Maschinen und anderen informationellen Systemen geteilt und teilweise übertroffen werden können. Wenn Menschen als Inforgs unter vielen anderen informationellen Agenten erscheinen, verlieren sie auch im Bereich der Information den privilegierten Mittelpunktstatus – die Kränkung betrifft also das Selbstbild als einziges oder höchstes informationsverarbeitendes Wesen. Als Inforgs sind wir nicht mehr abgeschlossene, ‹stand alone›-Subjekte, sondern informationsdurchdrungene Knoten in einer Infosphäre, in der biologische und technische Akteure gemeinsam agieren. Das stellt die Vorstellung in Frage, man sei ein klar abgegrenztes, autonomes Zentrum von Rationalität und Kontrolle, und zwingt dazu, Identität, Handlungsfähigkeit und Verantwortung neu in einem Netz von informationellen Beziehungen zu denken. Floridis Inforg-These hat damit klar eine dystopische und posthumanistische Note (da gäbe es noch radikalere Positionen, beispielsweise bei transhumanistischen Vertretern wie Nick Bostrom oder Ray Kurzweil, auf die ich hier aber nicht eingehen möchte).
4. Unabhängig davon, ob wir McLuhan, Stiegler oder Floridi folgen, alle drei sprechen von einer für die menschliche Wahrnehmung und Kognition widersprüchlichen Entwicklung in der digitalen Transformation. Die empirischen Fallbeispiele, die sie zur Illustration ihrer Thesen verwenden, sind aber nur teilweise überzeugend. Der Ansatz von Floridi (2015) ist umfassend gedacht und geht klar über McLuhan und Stiegler hinaus, irritiert aber durch seinen prophetischen Unterton. Floridis Ausführungen hängen inklusiv von der Prämisse ab, dass er Menschen als informationelle Organismen betrachtet. Ob wir heute schon Inforgs sind, sollte auch eine empirische Sättigung bekommen – was heisst Inforg auf kognitiver, psychologischer, sozialer und moralischer Ebene? Der Informationsethiker Rafael Capurro wirft Floridi vor, sein Ansatz sei eine verdeckte, stark metaphysische «Grosserklärungs‑Theorie», die mehr verspreche, als sie philosophisch und praktisch einlösen könne. Die Behauptung, die ultimative Natur der Realität sei strukturell bzw. informationell, sei ein vor‑kantianischer, spekulativer Zugriff. Floridi falle damit in vorkantianische Zeiten zurück und vertrete eine Art «informationalen Platonismus» (Capurro 2017).
Was nehme ich aus den Darlegungen der drei Theoretiker für meine Frage mit? (siehe Teil 2)
Pavel - 10:38 @ Philo-Blog | Kommentar hinzufügen
